Westbalkan • Bosnien-Herzegowina

Bosnien-Herzegowina

Die politische Situation in Bosnien und Herzegowina (BiH) war auch 2024 von ethnischen Spaltungen und institutioneller Instabilität geprägt. Das komplexe Staatsmodell, das im Rahmen des Dayton-Friedensabkommens von 1995 etabliert wurde, teilt das Land in zwei autonome Einheiten: die Föderation Bosnien und Herzegowina sowie die Republika Srpska. Jüngste Sezessionsbestrebungen und die Missachtung staatlicher Institutionen durch die Führung der Republika Srpska haben die politischen Spannungen weiter verschärft.

Die fragmentierte Verwaltungsstruktur wirkt sich negativ auf die soziale Sicherung der Bevölkerung aus. Das System ist unzureichend entwickelt, uneinheitlich organisiert und führt zu erheblichen regionalen Unterschieden bei Sozialleistungen. Besonders benachteiligt sind vulnerable Gruppen wie Menschen mit Behinderungen, ältere Personen und Kinder. Die Renten sind niedrig und geraten durch demografische Entwicklungen wie Alterung und Auswanderung zusätzlich unter Druck.

Geschlechtsspezifische Gewalt stellt weiterhin ein gravierendes gesellschaftliches Problem dar. 2024 wurden zahlreiche Fälle häuslicher Gewalt gemeldet, bei denen Frauen und Mädchen den Grossteil der Betroffenen ausmachten. Medienberichten zufolge wurden im vergangenen Jahr elf Frauen getötet, was auf strukturelle Defizite beim Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt hinweist. Die Kapazitäten der Frauenhäuser sind begrenzt, landesweit gibt es nur wenige Einrichtungen, von denen viele von NGOs mit minimaler staatlicher Unterstützung betrieben werden.

Aktuelle Berichte würdigen gesetzliche Fortschritte, weisen aber auch auf Lücken in der Strafverfolgung, begrenzte Rehabilitationsprogramme für Straftäter und unzureichenden Schutz in ländlichen Gebieten hin. Die Empfehlungen fordern eine einheitliche Umsetzung der Gesetze, eine verbesserte interinstiutionelle Koordinierung, verbesserte Datensysteme, gezielte Unterstützung für gefährdete Gruppen sowie eine langfristige Finanzierung spezialisierter Dienste – insbesondere von NGOs – als zentrale Voraussetzung für wirksamen Gewaltschutz.

In der Politik sind Frauen weiterhin untervertreten, auch wenn ihre Präsenz in den letzten Jahren gestiegen ist. Der Anteil der Bürgermeisterkandidatinnen stieg von 6,36% im Jahr 2008 auf 42% im Jahr 2024, bei den Stadtratskandidatinnen gab es eine Steigerung von 35,8 % auf 42%. Dennoch spiegelt sich diese Entwicklung bislang nur begrenzt in tatsächlichen Wahlergebnissen wider: Der Anteil gewählter Bürgermeisterinnen erhöhte sich lediglich von 2,85% auf 5,6%, jener der weiblichen Stadtratsmitglieder von 14,9% auf 23%. Dies zeigt, dass es nach wie vor schwierig ist, mit Kandidaturen von Frauen tatsächliche Wahlerfolge zu erzielen.

Bosnien

Projekte

Gewaltprävention mit Männern
Das Projekt trägt zur Verbesserung der Sicherheit von Frauen und Kindern in der Stadt Modriča bei, indem es psychosoziale Behandlung für Täter geschlechtsspezifischer Gewalt anbietet. 2024 wurden 61 Männer zur Teilnahme an Gruppen- und Einzeltherapien überwiesen, 43 von ihnen schlossen die Behandlung erfolgreich ab. Das Info-Telefon, das allen Ratsuchenden offensteht, verzeichnete 407 Anrufe – ein Grossteil davon von Männern; lediglich 31 Anrufende waren Frauen. 2024 starteten zwei neue Projektkomponenten: Zum einen wurden Workshops für Schulen zur generationsübergreifenden Weitergabe von Traumata entwickelt. Die Durchführung dieser Workshops startet im Frühling 2025. Zum anderen begann die Einbindung von zwei ehemaligen Tätern, die ihre Behandlung erfolgreich abgeschlossen haben. Sie nehmen nun als positive Rollenvorbilder an Gruppensitzungen teil und teilen ihre persönlichen Erfahrungen und Fortschritte, um die aktuellen Teilnehmer zu inspirieren und zu motivieren.

Projektkosten*: CHF 106'500.-

Bosnien Gewaltprävention mit Männern

Wirtschaftliches Empowerment für gewaltbetroffene Frauen
Das Projekt stärkt die wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten von Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt erfahren haben, in fünf nördlichen Gemeinden Bosnien-Herzegowinas durch finanzielle Unterstützung, Mentoring und Kompetenzentwicklung. 2024 erhielten 54 Frauen psychologische Unterstützung, 72 nahmen Rechtsberatung in Anspruch, und 65 wurden bei der Einleitung eines Gerichtsverfahrens unterstützt. Die Zusammenarbeit mit Sozialdiensten und Arbeitsvermittlungsstellen wurde verbessert. Ein zentrales Element des Projekts war die von unserer Partnerorganisation Buducnost initiierte «Business Academy», die 82 Frauen erfolgreich abschlossen. Im Rahmen der Academy entwickelten sie individuelle Geschäftspläne, um eigene unternehmerische Vorhaben umzusetzen. 29 Frauen erhielten längerfristiges Mentoring, 20 nahmen an IT-Kursen und Berufsberatungen teil. In allen beteiligten Gemeinden wurden Peer-Group-Unterstützungsstrukturen aufgebaut. Im Rahmen von zwei regionalen, sektorübergreifenden Treffen wurde die Rolle der lokalen Behörden bei der wirtschaftlichen Förderung von Frauen definiert und den zuständigen Departementen und Parlamenten Empfehlungen zu Gesetzesänderungen vorgelegt.

Projektkosten*: CHF 97'600.-

Bosnien Wirtschaftliches Empowerment für gewaltbetroffene Frauen

Gesundheit und Rechte für marginalisierte Kinder
Das Projekt unserer Partnerorganisation Zemlja Djece, das die Rechte von Kindern in der Region Tuzla stärkt, ging 2024 ins letzte Jahr der Projektphase. In den Bereichen Bildung, Kinderschutz, Geschlechtergleichstellung und Advocacy konnten beachtliche Fortschritte erzielt werden. Fast 600 Kinder aus Roma-Gemeinschaften nahmen während der dreijährigen Projektphase an den Aktivitäten des Tageszentrums von Zemlja Djece teil und verbesserten dadurch ihre schulischen Leistungen. Über 240 Eltern wurden beraten und bei der Inanspruchnahme sozialer Dienste unterstützt. Die kommunalen und kantonalen Kinderschutzsysteme konnten erheblich gestärkt werden. «Peer Education» (Bildung unter Gleichaltrigen) an vier Schulen der Oberstufe bezog über 140 Schüler*innen in gendertransformative Workshops ein. Die neue Phase des Projekts wird ab 2025 die erfolgreiche Arbeit mit leichtem Fokuswechsel fortsetzen. Künftig liegt der Schwerpunkt auf der gezielten Begleitung von Mädchen aus Roma-Gemeinschaften am Übergang zwischen obligatorischer Schulzeit und weiterführender Bildung oder Berufseinstieg. Zudem wurde eine neue Projektkomponente eingeführt, die sich mit der medialen Berichterstattung über Gewalt an Frauen auseinandersetzt, mit dem Ziel, eine differenzierte und verantwortungsvolle Darstellung zu fördern.

Projektkosten*: CHF 100’500.-

Bosnien Gesundheit und Rechte für marginalisierte Kinder

Humanitäre Hilfe für Minderjährige, Frauen und gefährdete Personen
Das im Juli 2024 abgeschlossene Projekt zielte darauf ab, die Resilienz und das Wohlergehen von Menschen auf der Flucht im Transit durch Tuzla zu stärken. Im Fokus standen insbesondere Frauen, Mädchen und andere besonders gefährdete Gruppen. Über einen Zeitraum von 28 Monaten wurden in Tuzla mehr als 4’700 humanitäre Hilfsgüter – darunter Kleidung, Lebensmittelpakete und Schlafsäcke – an Neuankommende verteilt. Zusätzlich wurden 3’547 Warengutscheine an 2’323 Begünstigte in Tuzla und Sarajevo ausgegeben. Ein mobiles Team vermittelte 479 Unterkünfte und medizinische Soforthilfe, unter anderem an 89 unbegleitete Minderjährige. Zemlja Djece übernahm eine zentrale Rolle in der Koordination humanitärer Hilfsmassnahmen zwischen den beteiligten Organisationen. Angesichts rückläufiger Migrationsbewegungen entlang dieser Route und begrenzter Finanzierung wurde das Projekt nicht verlängert.

Projektkosten*: CHF 93'200.-

Bosnien Humanitäre Hilfe für Minderjährige, Frauen und gefährdete Personen

Frauen in der Politik
Frauen sind in der Politik in Bosnien und Herzegowina stark untervertreten und mit tief verwurzelten Stereotypen und unzureichender Unterstützung konfrontiert. Das Projekt «Frauen in der Politik», das im Juni 2024 startete, zielt darauf ab, die politische Teilhabe von Frauen auf lokaler Ebene zu fördern. Durch Kapazitätsaufbau, Lobbyarbeit, Wahlmonitoring und Mentoringprogramme trägt das Projekt dazu bei, geschlechtsspezifische Ungleichheiten abzubauen und ein unterstützendes Umfeld für politisch engagierte Frauen zu schaffen. Im Rahmen des Projekts wurden 167 Kandidatinnen in eintägigen Workshops und 177 Politikerinnen in zweitägigen Tagungen geschult, mit dem Fokus auf Kampagnenführung und öffentliche Kommunikation. Erste Erfolge sind bereits sichtbar: Bei den Kommunalwahlen konnte die Zahl der gewählten Frauen in Doboj von drei auf sechs verdoppelt werden; in Gračanica stieg sie sogar von zwei auf acht.

Projektkosten*: CHF 27'500.-

Bosnien Wirtschaftliches Empowerment für gewaltbetroffene Frauen

*Kofinanzierung DEZA

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