Westbalkan • Albanien

Albanien

Trotz Herausforderungen wie weit verbreiteter Armut und politischem Misstrauen verzeichnete Albanien in den letzten Jahren ein stetiges Wirtschaftswachstum (rund 3% im Jahr 2024), das vom Tourismus, steigenden Exporten und einer robusten Binnennachfrage getragen wird. Aussenpolitisch liegt der Fokus seit 2022 auf den Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union und der Stärkung der regionalen Zusammenarbeit im westlichen Balkan.

Die Bevölkerungszahl Albaniens ist seit 2011 um 14,5% auf 2,4 Millionen gesunken – ein Rückgang, der primär auf Auswanderung, niedrige Geburtenraten und eine alternde Bevölkerung zurückzuführen ist. Ein grosser Teil der Bevölkerung ist von sozialer Ausgrenzung bedroht. Haushalte mit Kindern sind mit einem Armutsrisiko von 23,9% stärker betroffen als Haushalte ohne Kinder (11,3%). Die Kinderarmut liegt mit 26,5% deutlich über der Armutsquote bei Erwachsenen (19,2%).

Die kürzlich verabschiedete Nationale Strategie für soziale Sicherung hat diesbezüglich erste Verbesserungen bewirkt. Sie setzt Schwerpunkte auf Bargeldunterstützung, Massnahmen zur Wiedereingliederung sowie den Ausbau sozialer Unterstützungsdienste. Ziel ist es, die Bevölkerung wirksamer gegen wirtschaftliche und soziale Krisen abzusichern. Gleichzeitig bestehen erhebliche Herausforderungen, insbesondere in Form begrenzter öffentlicher Mittel und schwacher Überwachungs- und Kontrollmechanismen.

Für Frauen und marginalisierte Gemeinschaften bestehen nach wie vor systembedingte Hürden, die zu einer geringen Erwerbsbeteiligung führen, insbesondere in ländlichen Gebieten. Die Roma-Gemeinschaft ist von weit verbreiteter Diskriminierung betroffen, etwa im Bildungs- und Gesundheitswesen, im Arbeits- und Wohnungsmarkt und beim Zugang zur Justiz.

Geschlechtsspezifische Gewalt stellt weiterhin ein gravierendes gesellschaftliches Problem dar: Im Jahr 2024 wurden 5’445 Fälle von häuslicher Gewalt gemeldet; in 2’934 Fällen wurden Schutzanordnungen erlassen. Frauen und Mädchen machten rund 70% der Betroffenen aus, sieben Personen starben in Folge von häuslicher Gewalt. Die Kapazitäten der Schutzeinrichtungen sind begrenzt. Landesweit gibt es nur elf Schutzhäuser, von denen fünf von NGOs betrieben werden, die lediglich minimale staatliche Unterstützung erhalten.

In ihren aktuellen Berichten erkennen sowohl die Europäische Kommission als auch das Expertengremium GREVIO gesetzgeberische Fortschritte an. Zugleich verweisen sie jedoch auf erhebliche Defizite in der Strafverfolgung, unzureichende Rehabilitationsangebote für Täter sowie lückenhafte Schutzmechanismen in ländlichen Gebieten. GREVIO empfiehlt eine einheitlichere Gesetzesumsetzung, verbesserte interinstitutionelle Koordination, den Ausbau verlässlicher Datenerhebungssysteme sowie eine nachhaltige Finanzierung spezialisierter Dienste inbesondere von NGOs im Bereich der geschlechtsspezifischer Gewalt.

Albanien Titelbild

Projekte

Ein Frauenhaus bietet Schutz
Im Frauenhaus Edlira Haxhiymeri (SEH) in Tirana finden Frauen und ihre Kinder im Fall von häuslicher, sexueller oder geschlechtsspezifischer Gewalt Schutz und Unterstützung. In Notlagen können sie dort bis zu sechs Monate betreut werden. Im Jahr 2024 nahmen 56 Frauen und 38 Kinder die Angebote des SEH in Anspruch.
Neben der Soforthilfe legt das SEH besonderen Wert darauf, Betroffene langfristig in ihrer Unabhängigkeit zu stärken. Das Angebot umfasst spezialisierte Dienstleistungen wie psychosoziale Beratung, juristische Unterstützung sowie Berufsbildung. Ergänzend werden Fachkräfte aus Justiz, Polizei, Gesundheits- und Bildungswesen im Umgang mit Gewaltbetroffenen geschult, um die Qualität der Betreuung kontinuierlich zu verbessern. Mit der neuen Projektphase 2025-2027 wird die erfolgreiche Arbeit fortgeführt und auf ländliche Gebiete ausgeweitet. Im Mittelpunkt stehen dabei der Ausbau sicherer Unterkünfte, der Zugang zu Gesundheitsversorgung, Berufsbildung, die Weitervermittlung von Betroffenen sowie ihre Wiedereingliederung – in enger Kooperation mit lokalen Institutionen und Partnern.

Projektkosten*: CHF 115'300.–

Albanien Frauenhaus Edlira Haxhiymeri (SEH) Session

Sicherheit für Frauen und Mädchen im digitalen Raum 
Unsere Partnerorganisation CLWG («Counselling Line for Women and Girls») bietet seit vielen Jahren rechtliche, soziale und psychologische Beratung für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen an. Im Jahr 2024 gingen über die von CLWG betriebene 24-Stunden-Helpline insgesamt 4’658 Anrufe ein. 501 Frauen nahmen an Onlineberatungen teil und 203 Frauen erhielten Rechtsbeistand.
Seit 2023 hat CLWG ihr Engagement auf ein zunehmend relevantes Themenfeld ausgeweitet: Die Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt im digitalen Raum. Im November 2024 wurde dem Parlament ein Gesetzesentwurf zu digitaler Gewalt vorgelegt. Die Ausarbeitung des Entwurfs wurde von gezielten Lobbyaktivitäten sowie einer Informations- und Vernetzungsveranstaltung für zentrale Interessengruppen begleitet. Ziel des Gesetzes ist es, bestehende Lücken im rechtlichen Umgang mit digitaler Gewalt zu schliessen und eine strengere Regulierung von Online-Plattformen sicherzustellen.

Projektkosten*: CHF 111’400.–

Albanien Nationale Beratungsstelle

Gewaltberatung für Männer
Die CLMB («Counselling Line for Men and Boys») ist die erste Beratungsstelle für Täter häuslicher und sexueller Gewalt in Albanien. Ziel der Rehabilitationsarbeit ist die nachhaltige Verhaltensänderung der Täter und die Verhinderung weiterer Gewalttaten. Die Teilnahme am Programm erfolgt über institutionelle Zuweisung oder auf freiwilliger Basis. In Beratungssitzungen setzen sich die Männer mit ihren schädlichen Verhaltensmustern auseinander und lernen, diese zu erkennen und zu verändern. Im Jahr 2024 wurden 148 Täter in insgesamt 2’276 Sitzungen betreut. Neben der Täterarbeit engagiert sich CLMB auch in der Prävention und Aufklärung. Diese umfasste im vergangenen Jahr 60 Workshops mit insgesamt 1’590 Schüler*innen im Alter von 15 bis 18 Jahren, die sich mit Geschlechterrollen und Männlichkeit auseinandersetzten. Im Rahmen der Vaterschaftsarbeit führte CLMB Sensibilisierungsveranstaltungen, Workshops und Online-Kampagnen durch, um ein stärkeres Bewusstsein für gemeinsame Elternverantwortung und Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen.

Projektkosten*: CHF 109’600.–

Albanien Praevention Gewalt fuer Maenner

Engaging Men and Youth: Verbesserte Sicherheitsmassnahmen gegen digitale und geschlechtsspezifische Gewalt
Seit September 2014 betreibt unsere Partnerorganisation WtW («Woman to Woman») die Beratungsstelle ZDB – die erste ihrer Art in Nordalbanien, die sich gezielt an gewalttätige Männer und Jungen richtet. ZDB verfolgt einen präventiven Ansatz zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, indem sie Täter, junge Männer sowie relevante institutionelle Akteure durch Beratung, Aufklärung und Lobbyarbeit einbindet. 2024 wurden 72 Täter mit durchschnittlich sieben Sitzungen pro Person begleitet. An Workshops zum Thema Cybergewalt nahmen 28 Schüler*innen teil, und 45 Universitätsstudierende besuchten Veranstaltungen zum Thema «Digitaler Missbrauch in Beziehungen». Im Rahmen der Kampagne «16 Days of Activism» erreichte ZDB rund 500 Personen durch öffentliche Foren und eine Kunstinstallation. Die Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen wurde durch den systematischen Austausch zwischen Fachkräften des Sozialdienstes und Vertreter*innen der Justiz intensiviert, mit dem Ziel, dass mehr gewaltausübende Männer in Beratungsprogramme überwiesen werden.

Projektkosten*: CHF 58’300.–

Albanien Praevention geschlechterspezifische Gewalt

Verbesserte institutionelle Koordination im Fall von Gewalt gegen Mädchen und Frauen.
Nachhaltige Lösungen zum Schutz von Frauen vor Gewalt erfordern ein koordiniertes und sektorübergreifendes Vorgehen. Alle beteiligten Akteur*innen – von den Betroffenen selbst über Beratungsstellen bis hin zu Polizei, Justiz- und Gesundheitsdiensten – müssen eng zusammenarbeiten, um wirksam auf geschlechtsbasierte Gewalt reagieren zu können. Zur Stärkung dieser Zusammenarbeit haben wir mit unseren Partnerorganisationen CLWG und WtW sowie dem Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut ein von «UN Women» finanziertes Projekt umgesetzt, das im Mai 2024 abgeschlossen wurde. Während der dreijährigen Laufzeit wurden 4’214 Frauen und Mädchen psychosozial und rechtlich beraten. Die Nationale Helpline unterstützte 3’001 Gewaltbetroffene mit 4’419 psychologischen und 1’884 rechtlichen Beratungen. Mobile Mediator*innen begleiteten 4’486 Gewaltbetroffene durch Weitervermittlung an relevante Institutionen. 485 Fachpersonen wurden im Umgang mit Fällen von geschlechtsspezifischer Gewalt geschult. Zu den wichtigsten Erfolgen zählen die Reform des Strafgesetzbuchs, das sexuelle Gewalt nun auf Grundlage fehlender Zustimmung definiert, sowie eine landesweite Kampagne zur Einführung eines Registers für Sexualstraftäter.

Projektkosten*: CHF 292'600.–

Albanien Nationale Beratungsstelle

*Kofinanzierung DEZA

Weitere Länder im Westbalkan

Ihr Browser (Internet Explorer) ist leider nicht mehr zeitgemäss, dadurch kann es zu Darstellungsfehlern kommen. Bitte installieren Sie einen anderen Browser.

Wie geht das?Ausblenden